Voice Of A Generation 2

"Anyway, one morning I just went into a liquor store and bought alcohol, went home, locked the doors, drew the curtains, turned off the light and just started drinking by myself. That's how glamorous and fun my 'edge break' was."
Was?
Das Ruhrpott-Label Crucial Response – man kann es schon fast altehrwürdig nennen – hat eine Inhouse-Pubikation und zwar das Voice Of A Generation Fanzine, das der Einfachheit halber von nun an mit VOAG abgekürzt wird.
Turnus
Das Heft erscheint in starker Unregelmäßigkeit. Seit dieser Ausgabe aus dem Jahr 2007, erschienen zwei weitere Hefte. Peter Hoeren – Mann hinter Crucial Response – schrieb kürzlich, dass er nicht sicher sei, ob eine fünfte Ausgabe erscheint. Lust darauf hätte er schon.
Auflage
786 Kopien
Erwerbsgeschichte
Man schickte mir das Heft zu damit ich für die Website poisonfree.com eine Rezensionen schrieb. Damals bekam ich zahlreiche Scheiben, mit denen ich überhaupt nichts anfangen konnte. Über dieses Magazin habe ich mich sehr gefreut, war ich doch eine Zeit lang großer Fan des Labels.
Vermutete Zielgruppe
Diese Stimme der Generation ist wohl nicht unbedingt die Stimme der Zwanzigjährigen, die heutzutage regelmäßig zu Konzerten neuer Bands fahren. Beide Macher sind alte Szenehasen, schätzungsweise um die 40 Jahre alt, und lassen dementsprechend gerne alte Wegbegleiter zu Wort kommen.
Inhalt
Norwegen war schon in der letzten Rezension Thema. Das Land ist ja bekannt für seine Metalbands, aber daneben gab es in den 1990ern auch immer eine starke Straight Edge Hardcore Szene … also die Typen im Champion Hooodie, mit Nike Schuhen, X auf der Hand und so.
Aus dieser Szene kommt die Band Sportswear, die von vielen als erträgliche Ausnahme des akzentlastigen 1990er Euro-Core gilt. Nicht nur trugen die Mitglieder von Sportswear die richtigen T-Shirts und Schuhe, sondern hatten in diversen Bands wie Onward oder Rectify gewissermaßen guten Willen gezeigt, das Hardcore-Handwerk zu beherrschen. Alle Erfahrung mündete dann in Sportswear, die sich den Namen als Referenz auf die kurzlebige BritPop-Band Menswear gaben .Mit ihrem Song „For The Sake of Dedication“ auf dem gleichnamigen Sampler ist die Band mit ihrer wohlstandsgesättigten Interpretation von Hardcore in die Szene gekracht, die sie zugleich unfreiwillig karrikierte. Arrogant Straight Edge war das Motto.
Zwischen 1997 und 1998 erschienen auf Crucial Response zwei EP’s: ‚Keep It Togehter‘ und ‚It Runs Deep‘. Dann wurde ein Album in New York City aufgenommen und eine Weltournee geplant. Peter Amdams Aufgabe seiner drogenfreien Lebensführung und sein Zerwürfnis mit den anderen Mitgliedern vernichtete die Band im Frühjahr 1999. Soweit ich mich erinnere, war Amdams Griff zur Flasche auch einer der ersten Szene-Skandale, der sich mithilfe des jungen Internets rasch auf dem ganze Globus herumsprach und in Foren hämisch kommentiert wurde.
Nun spricht der ehemals Abtrünnige in einem 14-seitigen Interview über seine Musikerkarriere und den rasanten Aufstieg und Kollaps seiner Band Sportswear. Inzwischen haben sich alle Bandmitglieder wieder vertragen. Auf ihren Facebook-Seiten geben sie sich gegenseitig den hochgestreckten Daumen für Kinder- und Urlaubsfotos. 2011 gab man einige Konzerte unter dem Namen For Pete’s Sake und veröffentlichte ein Album.
Auch diese Band endete abrupt.
Im Juni 2016 verstarb Amdam mit 45 Jahren viel zu jung.
Extra
Alle Ausgaben des VOAG haben eine Schallplatten-Beigabe, bei der es sich bisher immer um die Nachpressung alter Demoaufnahmen inzwischen aufgelöster Bands handelte. In dieser Nummer wurde naheliegenderweise das Sportswear Demo beigelegt. Von den Songs her ist das Demo ziemlich deckungsgleich mit der ‚Keep It Together‘ 7″.
Verdikt
Die Zeit ist nicht stehen geblieben und ich für meinen Teil merke das ganz besonders wenn ich die seit Jahren nicht mehr gehörten, aber bei jedem Umzug mitgeschleppten Sportswear-Platten an einem verkaterten Sonntagnachmittag auflege, mir die blondierten Haare und ikonographischen Sportklamotten der Bandmitglieder anschaute, die damals in meinem jetzigen Alter waren. Diese Platten denen ich als 17jähriger so entgegenfieberte sind inzwischen alte Relikte, gewissermaßen der Grundstock einer in alle Stilrichtung wuchernden Plattensammlung.
Das Wissen um längst vergangene Tage macht hier selbst den Rezipienten schwermütig. Aber so ist das halt mit Musik, die man sehr früh gehört hat. Irgendwann werden es akustische Signale aus der Vergangenheit. Vielleicht schwofen wir ja auf der Wohnzimmerparty, die ich anlässlich meines 60. Geburtstag gebe, zu Sportswear.