prostory – # 6, 2013

„Nun, die UkrainerInnen sind für die Polen das selbe, wie die Mexikaner für die US-Amerikaner.“
Was?
prostory wird eigentlich ПРОSTORY geschrieben und ist das ukrainische Wort für „Plätze“. Die Zeitschrift ist der im Februar 2009 erstmals erschienene Ableger eines 2008 gegründeten Online-Literaturmagazins aus Kiew. Normalerweise sind die Texte auf ukrainisch und russisch. Finanziert von der österreichischen Sparkassen-Privatstiftung ERSTE Stiftung kam ein deutschsprachiges Heft zustande. Auf der Website kann man weitere Texte auf deutsch und englisch lesen. Erwähnenswert ist der beträchtliche Frauenanteil unter den AutorInnen, KünstlerInnen und ÜbersetzerInnen.
Turnus
Grob geschätzt kommt alle zwölf bis 15 Monate eine neue Ausgabe.
Erwerbsgeschichte
Buchmesse Leipzig: Während einer auf den Stand aufpasst, geht der Andere schlendern. Als ich wiederkomme, erzählt der Kollege von einer jungen Ukrainerin, die die prostory an unserem Stand vorbeibrachte und so engagiert schien, dass er sich bei seiner trägen, deutschen Satuiertheit unangenehm ertappt fühlte. Klar war: Der Leser ist dieser Frau eine Rückmeldung schuldig.
Haptik
Klebebindung, zwei verschiedene Papiersorten, sehr guter Knickfalz für den Umschlag.
Inhalt
Der Slogan „Wunde zeigen“ gibt eine zutreffende Ahnung des Inhalts. Man liest über die Ausbeutung weiblicher ukrainischer Arbeitskraft auf dem Jobmarkt der Europäischen Union, sowie die Verquickung von nationalem Trauma und nationaler Selbstdefinition durch den Reaktorunfall von Tschernobyl. Ein Photoessay widmet sich der Obdachlosigkeit in Kiew …
…und die Zeichnungsserie EROS 2012 (siehe auch schon Titel) zeigt Straßenszenen der Fußball-Europameisterschaft des letzten Jahres (für die Gelb-Blauen des Gastgeberlandes kam es ja tragischerweise trotz eines Auftaktsieges gegen Schweden zum Aus in der Vorrunde).
Während die Geschichten aus der Ukraine niedergeschlagen machen, verschlägt einem die Reportage aus Russland nur noch die Sprache: Am 30. Oktober wurde öffentlich, dass ein kasachisch-stämmiges Paar mit ihren vier Söhnen in ihrem Supermarkt Produkty im Moskauer Stadtteil Goljanowo zwölf Landsleute als Arbeitskraft festhielt. Lockangebote wurden gemacht, dann die Pässe abgenommen. Lohn gab es nicht, stattdessen wurde exzessive Körperverletzung zur Gewohnhheit. In der Gefangenschaft, die für manche 10 Jahre andauerte, wurden Kinder geboren, die selbst Opfer von Gewalt, schnell verkauft oder vermutlich auch umgebracht wurden. Den russischen Behörden geht es nach Bekanntwerden dieses Falls nun aber vorrangig um das Bleiberecht der zwölf ausländischen „Arbeitssklaven“ wie sie Viktoria Lomasko richtigerweise im Artikel nennt. Die Untersuchungen gegen das Betreiberpärchen des Supermarktes sind als „wiederrechtlich und unbegründet“ eingestellt worden. Ehrenamtliche Initiativen kümmern sich um die Befreiten, die nach wie vor in Russland und Angst leben.
In Deutschland gab es ausschließlich auf dem ehemaligen NPD-Watchblog publikative.org eine Berichterstattung zu diesen Vorfall (drei Wochen nach der Befreiung). Bis jetzt sind bereits gut 400.000 Zuschauer in den Kampusch-Kinofilm ‚3096 Tage‘ gerannt.
Verdikt
Good Job, Kateryna Mishenko und Team!