ESSENER UNIKATE 8 – 1996

"Mittlerweile weiß ich, daß im gesamten Kulturbetrieb das Sekundäre gesiegt hat. Meine Essener Erfahrungen waren nur ein Vorgeschmack. Nicht mehr das Buch ist wichtig, sondern dessen feuilletonistische Aufbereitung, die sich Kritik nennt. […] Übertreibe ich? Es hat mir trotzdem in Essen gefallen, Warum – weiß ich nicht mehr so genau. Vielleicht weil Essen im Ruhrgebiet liegt und diese gebrochene Landschaft so primär nach Literatur schreit."
Was?
Ein Rundbrief der Essener Hochschule (ehemals Gesamthochschule, jetzt Universität Duisburg-Essen). In jeder Ausgabe der Essener Unikate wird einer Forschungsrichtung ein ganzes Heftes eingeräumt. In dieser Ausgabe sind das die Geisteswissenschaften
Turnus
Ein Blick auf die Website der Publikation verrät, dass der Turnus etwas an Rasanz abgenommen hat. Während in den Vorjahren jährlich zwischen zwei und drei Hefte erschienen, war es 2011 nur ein einziges, obwohl die Sprache von „mindestens zwei Ausgaben pro Jahr“ ist. Was sagen die Abonnenten dazu?
Auflage
5.000 Kopien bei dieser Ausgabe
Kioskpreis-Inhalts-Verhältnis
Gesamtseitenzahl inklusive Titelblatt: 100 Seiten
Ganzseitige Anzeigen: Die Anzeigen verstecken sich diskret hinter dieser Seite ganz am Ende des Heftes …
… und es sind drei Stück (Bank, Versicherung, Verlag).
Preis: In diesen Tagen muss man für das Jahresabonnement mit „mindestens zwei Ausgaben“ 12,50 Euro auf den Tische legen.
Format: Ganz normales DIN A 4
Preis pro Inhaltsseite: Wenn wir davon ausgehen, dass die neueren Ausgaben auch 100 Seiten lang sind und jeweils 6,25 Euro kosten und drei Seiten für Werbung hergeben, wäre der Einzelseitenpreis knapp secheinhalb Cent pro Inhaltsseite.
Erwerbsgeschichte
Von Eike Rüdebusch geschickt bekommen. Neben den Essener Unikaten lagen noch zwei andere Hefte mit viel Schrift und wenig Bildern in seiner lädierten Büchersendung. Bei einem der Magazine war irgendwas mit China auf dem Cover. Das habe ich also direkt an meinen Sinologen-Mitbewohner weitergereicht. Danke Eike!
Vermutete Lesergruppe
Menschen im Dunstkreis von Ruhrpott-Universitäten.
Titel
Hier sei ein kleines Ost-West-Vorurteil erlaubt: Wenn es eine Farbe gibt, die ich mit die DDR assoziiere, dann das graugrün des Umschlags.
Inhalt
Essener Unikate 8 erschien anlässlich des 20. Jahrestags der Etablierung eines campuseigenen Poet in Residence. Bei der genauen Betrachtung der schreibenden Gäste, ist mir aufgefallen, dass im Sommersemester 1980 der Schweizer Kurzprosa-Autor, inzwischen bei Suhrkamp untergekommenen Peter Bichsel letzter Besucher über die warmen Monate war:
Bichsel ist auch der einzige Autor von dem sich kein Text auf den Seiten der Essener Unikate findet.
Was ist passiert? Gab es die klassisch-peinliche Situation der Schülerin-Lehrer-Romanze und man die verkrachten Literaten zwischen Mai und Juli nicht mehr in die Nähe von unschuldigen, vermutlich knapp bekleideten Germanistikstudentinnen haben wollte?
Ein Blick in das Metzler Autoren Lexikon (3. Auflage, 2004) verrät, dass sich Bichsel als „sehr schulmeisterlichen Autor“ bezeichnete und anderthalb Jahre nach dem Essener Aufenthalt Poetik-Vorlesungen in Frankfurt am Main hielt. Er war fast 50 Jahre mit seiner Frau, der Schauspielerin Therese Spörri verheiratet, die 2005 verstarb. Daher schließe ich im Fall Peter Bichsel den Tatbestand der Studentinnenschändung aus. Seit 2000 residieren auch wieder Autoren des Sommers in Essen.
Trotzdem hat mich Bichsels fehlender Text grundlos, aber nachhaltig irritiert.
Layout
Günter Grass – Stargast während im Wintersemester 1989 – entwirft hier mal wieder ausgesucht hässliche Wesen:
Ansonsten ist die Gestaltung klar, ohne dabei stählern zu wirken. Das darf als ruhig Nachteil gesehen werden.
Verdikt
Meinem hobbymäßigen Interesse an deutschsprachiger Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommt diese Publikation sehr entgegen. Die ganzen kleinen Texte von Autoren mit großen Namen sind mitunter wenig erhellend, aber ich habe sie unangestrengt aufmerksam konsumieren können.
An anderen Ausgaben der Essener Unikate (jene, die sich mit der „Herausforderung Elektromobilität“ oder „Oberflächenphysik“ beschäftigen) würde mein Geist sicherlich scheitern. Das ist auch eine Erkenntnis, aber eine ziemlich bittere.